Beiträge Diverse 2

Kunstwerk des Monats
Januar 2026

Siracusa, 1984

Verena Brunner (*1945)
Siracusa, 1984
Nylon, Sisal, Seide
144 x 118 cm
Inv.-Nr. 1451

Ganz langsam legt sich die Nacht nach einem heissen Sommertag über das Tyrrhenische Meer. Bereits spiegeln sich Fragmente der umliegenden Befestigungen und Häuser in der Quelle der Arethusa oder sind es Säulenrelikte eines antiken Tempels? Realität und Traum beginnen ineinander überzugehen. Diesen schwebenden Augenblick fasst die Künstlerin Verena Brunner in ihrer zarten, aquarellfarbigen Weberei ein. Durch die Transparenz des Nylon-Sisal-Gewebes zieht sie den Blick in die Tiefe der Quelle und öffnet einen Übergang in eine andere, zeitenthobene Welt.

Bei genauer Betrachtung wird sichtbar, dass die Arbeit aus zwei separat gewobenen Teilen besteht, die erst nachträglich zusammengenäht wurden. Hier offenbart sich Brunners präzise, strukturierte Arbeitsweise: Nichts ist dem Zufall überlassen. Die beiden Gewebeteile fügen sich passgenau ineinander; einzelne Motive werden erst im Moment des Zusammenführens lesbar. Die Trennung bleibt als Spur erhalten, zugleich verschmelzen die Teile zu einer Einheit. Brunners Gewebe sind von extremer Feinheit. Die Fasern scheinen organisch miteinander verwachsen, die Farben nehmen das Licht auf subtile Weise auf und lassen es wie Wasser flimmern. Die Nylonketten bleiben sichtbar, die Sisal-Schussfadenenden ragen aus der Fläche heraus. Sie betonen die Unschärfe, erzeugen Bewegung und durchbrechen die Strenge der horizontalen Webstruktur.

Brunners Formensprache knüpft subtil an die poetische Abstraktion Paul Klees (1879–1940) an. Linienhafte Setzungen und schwebende Farbflächen erinnern an Klees rhythmisierte Bildwelten, lösen sich jedoch von dessen erzählerischer Verspieltheit. Stattdessen verdichtet Brunner tektonische Strukturen und gestische Spuren zu stillen, beinahe topographischen Feldern, in denen Transparenz und feine Tonabstufungen Wahrnehmung zwischen Konstruktion und Imagination verorten.

Verena Brunner (*1945) besuchte von 1964 bis 1970 die Textilfachklasse an der Gewerbeschule Basel und bildete sich in der Meisterklasse von Magdalena Abakanowicz (1930–2017) in Polen weiter. Brunner war von 1982 bis 1988 als Dozentin an der Schule für Gestaltung in Zürich tätig. Anschliessend leitete sie bis 1999 die Fachklasse für Textilgestaltung an der Schule für Gestaltung Luzern und unterrichtete bis 2007 in den Studienbereichen Textildesign und Grafik an der Hochschule für Design und Kunst Luzern. In zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zeigte sie ihre Werke im In- und Ausland. Sie gilt als Pionierin der Wiederbelebung der Textilkunst und als Vorbild für junge Kunstschaffende.

Text: Julianna Ban