Kunstwerk des Monats
März 2026

Allegoria, 1982

Verena Brunner (*1945)
Allegoria, 1982
Nylon, Sisal
100 x 95 cm
Inv.-Nr. 1623

Verena Brunners hauchzarte Tapisserien erscheinen zunächst als fragile Gewebe im Raum, entfalten jedoch bei näherer Betrachtung eine dichte, präzise durchkomponierte Materialdramaturgie. Brunner kombiniert Nylon mit Sisal. Das Nylon bildet ein nahezu immaterielles Gerüst: Es hält die Form, ohne visuell zu dominieren, bündelt und streut das Licht. Der Sisal setzt dem eine spürbare, beinahe architektonische Rauheit entgegen. In der Verschränkung beider Materialien entsteht ein differenzierter Wahrnehmungsraum. Das Licht wird gebrochen und gefiltert, durchzieht das Gewebe und generiert Farbe als optisches Ereignis. Der Webstuhl fungiert dabei als bildnerisches Instrument. Brunner arbeitet nicht mit Pigment, sondern mit Struktur, Dichte und Transparenz.

So entstehen textile, dreidimensional wirkende Raumkörper. Ihre Erscheinung ist abhängig von Standpunkt und Lichteinfall, sie verändern sich mit der Bewegung der Betrachtenden. In dieser Verschränkung von Material, Licht und Raum konkretisiert sich eine poetische Bildauffassung, die Atmosphäre über Abbild stellt und das Textile als eigenständiges Medium bildnerischen Denkens behauptet.

Der Titel Allegoria verweist auf die Verbildlichung eines abstrakten Begriffs. Während die klassische Allegorie in der Malerei traditionell auf Figuren zurückgreift, übersetzt Brunner das Konzept in Abstraktion, Licht und Material. Die ovale, in der Dreidimensionalität als Kreis erscheinende Form, evoziert Assoziationen von Ewigkeit, Vollkommenheit und zyklischer Zeit. Tatsächlich entfalten ihre Gewebe ein Gefühlsfeld, das die Betrachtenden aus der linearen Zeit löst. Beim vertieften Sehen verlangsamt sich die Wahrnehmung; der Raum scheint sich zu weiten, die Welt für einen Moment stillzustehen. In diesem Ineinander von Materialität und Immaterialität, von haptischer Sinnlichkeit und lichtdurchwirkter Transparenz wird Textil zur stummen Dichtung, zur materiellen Poesie.

Verena Brunner (*1945) besuchte von 1964 bis 1970 die Textilfachklasse an der Gewerbeschule Basel und bildete sich in der Meisterklasse von Magdalena Abakanowicz (1930–2017) in Polen weiter. Brunner war von 1982 bis 1988 als Dozentin an der Schule für Gestaltung in Zürich tätig. Anschliessend leitete sie bis 1999 die Fachklasse für Textilgestaltung an der Schule für Gestaltung Luzern und unterrichtete bis 2007 in den Studienbereichen Textildesign und Grafik an der Hochschule für Design und Kunst Luzern. In zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zeigte sie ihre Werke im In- und Ausland. Sie gilt als Pionierin der Wiederbelebung der Textilkunst und als Vorbild für junge Kunstschaffende.

Text: Julianna Ban